You are using an outdated browser. For a faster, safer browsing experience, upgrade for free today.
Überführung der Fabrik in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und in eine Aktiengesellschaft in den Jahren 1896 und 1899.


Hofrat Dr. Carl Kolbe
Erster Generaldirektor der Aktiengesellschaft


Eine rechtliche Veränderung erfuhr die Fabrik dadurch, daß am 28. Januar 1896 der von Dr. Kolbe als alleinigem Inhaber geleitete Geschäftsbetrieb auf die von ihm und seinen bisherigen stillen Teilhabern begründete Chemische Fabrik von Heyden, Gesellschaft mit beschränkter Haftung, überging. Herr Dr. Kolbe blieb alleiniger Geschäftsführer, seine bisherigen Prokuristen, die Herren Otto Schiele und Gotthold Schilling behielten ihre bisherigen Stellungen bei, während den Herren Dr. Richard Seifert, Robert Vorländer und Julius Buz neue Prokura erteilt wurde. Herr Alfred Dreher zog sich nach siebzehnjähriger verdienstvoller Tätigkeit bei der Firma ins Privatleben zurück. Der Grund für die vorgenommene handelsrechtliche Veränderung der Firma war erhöhter Kapitalbedarf, den die Vergrößerung des Werkes und unter anderem auch die Fabrikation von Süßstoff bedingte. Diese benötigte eine große Anzahl früher nicht gebrauchter Ausgangs- und Hilfsmaterialien, deren Herstellung im eigenen Betrieb die Kosten vermindern mußte und deshalb angestrebt wurde. Als erster dieser Hilfsstoffe wurde Kaliumpermanganat hergestellt, und zwar nach einem Verfahren des 1896 neuangestellten Chemikers Dr. Felix ÖtteI, der sich durch die Herausgabe des ersten elektrochemischen Lehr- und Übungsbuches bekanntgemacht und als einer der ersten elektrochemische Verfahren in die Technik eingeführt hatte. Nach dem Permanganat richtete Dr. Öttel die Fabrikation einer Anzahl weiterer anorganischer Produkte, wie Phosphorchloride, Bromsalze, Schwefelchloride u. a., ein und bearbeitete ein neues Verfahren zur Alkalielektrolyse. Besonders wichtig für eine Reihe von Fabrikationszweigen war es, auch die in großen Mengen benötigte Schwefelsäure, die bisher gekauft worden war, selbst zu fabrizieren.
Zu ihrer Herstellung war aber das in Radebeul noch zur Verfügung stehende Gelände weder groß genug, noch geeignet, und so mußte Umschau nach einem besseren an anderer Stelle gehalten werden. Das erforderte von neuem große Geldmittel, die durch Gründung einer Aktiengesellschaft beschafft werden konnten. Diese Gründung erfolgte im Jahre 1899. Die neue Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von fünf Millionen Mark übernahm alle Aktiva und Passiva der bisherigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung und kaufte gleichzeitig das Rittergut Grödel und ein weiteres großes Grundstück in Nünchritz nahe der Bahnstation Weißig bei Großenha in zwecks Errichtung einer neuen Fabrikationsstätte, über die wir weiter nachstehend berichten werden. Die Direktion der neuen Aktiengesellschaft bestand aus den Herren: Generaldirektor Dr. Kolbe und den Direktoren R. Vorländer und Dr. R. Seifert. Den Aufsichtsrat bildeten die Herren Dr. Fr. von Heyden als Vorsitzender, Dr. E. Thürmer als stellvertretender Vorsitzender, Konsul G. Arnstädt, Geheimrat Professor Dr. E. von Meyer und C. von Ostertag-Siegle. Die bald einsetzende schnelle Entwicklung des Unternehmens, machte, wie hier vorweg genommen werden möge, mehrfach neue Investitionen erforderlich und zwar wurde 1901 eine %ige Obligationsanleihe in Höhe von 4 Millionen Mark aufgenommen, das Aktienkapital 1909 und 1912 um je eine Million, 1917 um 3 Millionen Mark vermehrt, 1920 auf 28 und 1921 auf 42 Millionen Mark erhöht und gleichzeitig eine 5 %ige Obligationsanleihe in Höhe von 20 Millionen aufgenommen. Dem Charakter dieser letzten Kapitalsvermehrung als Inflationsmaßnahmen entsprechend, wurde nach Überwindung der Inflation das Kapital entsprechend reduziert. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft und der damit verbundenon Betriebsvergrößerung stellte die Direktion auch eine Anzahl kaufmännischer und technischer Beamten neu ein. Besonders wurde das kurz vorher erbaute wissenschaftliche Laboratorium mit einer Reihe jüngerer Chemiker besetzt. Nach dem bewährten Grundsatz der Fabrikleitung, die zu fabrizierenden Präparate möglichst im eigenen Hause zu erfinden und auszuarbeiten, kam ihnen die Aufgaben zu, Neues zu schaffen und das bereits Bestehende zusammen mit den bisherigen Betriebsleitern weiter zu verbessern. Daß es gelang, beweist der Aufschwung der Fabrik in der Folgezeit. Über den Stand des Personals und der Betriebsmittel zu jener Zeit belehrt uns wieder ein Ausstellungsbericht, der zur Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 herausgegeben wurde und dem wir folgendes entnehmen: „Das Personal der Fabrik besteht aus 80 Beamten und 700 Arbeitern. Die Fabrik erzeugt aus verschiedenen Rohmaterialien eine große Anzahl von chemischen Präparaten für medizinischen Gebrauch, ferner Zwischenprodukte für die Farbstoffindustrie, einige Riechstoffe, künstliche Süßstoffe und Nährstoffe. Der Export dieser Produkte erfolgt nach allen Ländern der Welt. Unter den im Gebrauch stehenden Betriebsmitteln sind zu nennen: 15 Dampfkessel mit 2100 qm Heizfläche, 20 Dampfmotore, 10 Dynamomaschinen und 71 Elektromotore; ein eigener Normalspuranschluß mit elektrischem Betrieb verbindet die Fabrik mit der Dresden-Leipziger Eisenbahn und eine gleiche Anlage dient dem inneren Verkehr. Die Fabrik besitzt an Wohlfahrtseinrichtungen eine Arbeiterküche, eine Kantine, Bäder, fortlaufende Alterszulagen, Urlaube, Beschickung der Ferienkolonien, Weihnachtsgratifikationen, Krankenkassenzuwendungen, Versicherungen und dergleichen mehr." Dann werden in einer Tabelle 56 größere Präparate und Spezialitäten aufgezählt, die in der Fabrik erfunden oder doch von ihr zuerst in fabrikmäßiger Weise dargestellt und in den Handel gebracht worden sind. Diese Zahlen und Angaben beweisen besser als alle Worte den Aufschwung, den die Fabrik seit dem Bericht vom Jahre 1883 genommen hatte. Daß die ernste Arbeit, der die Fabrik den geschilderten Aufstieg verdankt, ab und zu auch durch ein frohes Fest unterbrochen wurde, möge nicht unerwähnt bleiben. Am 31. August 1895 veranstaltete die Firma zur Erinnerung an die ruhmreiche Schlacht bei Sedan vor 25 Jahren eine Dampferfahrt der gesamten Belegschaft auf der Elbe nach der Sächsischen Schweiz mit Spaziergang durch den wildromantischen Uttewalder Grund nach der Bastei, wo ein gemeinsames Essen eingenommen wurde. Und im Gründungsjahr der Aktiengesellschaft wurden, wie schon eingangs erwähnt ist, zwei Feste zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Fabrik gefeiert, die den Teilnehmern in lebenslanger guter Erinnerung blieben, im August 1899 in Form einer Dampferfahrt mit der gesamten Belegschaft und im November des gleichen Jahres durch ein Festessen im Belvedere auf der Brühlschen Terrasse in Dresden, ebenfalls im Kreise der Angestellten und Freunde der Firma.




Quelle: CHEMISCHE FABRIK von HEYDEN - AKTIENGESELLSCHAFT, RADEBEUL-DRESDEN
1874-1934 - Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten, zusammengestellt von Dr. O.Schlenk, Radebeul

Verlag: Kupky & Dietze (Inh. C. und R. Müller), Radebeul
Generiert: 2 ms