You are using an outdated browser. For a faster, safer browsing experience, upgrade for free today.
Professor Kolbes Tod und Professor Schmitts Verbesserung der Salicylsäure-Synthese.

Ein schmerzlicher Verlust für Dr. von Heyden und seine Fabrik war es, als am 25. November des Jahres 1884 ein Herzschlag das Leben des noch eifrig tätigen Geheimrats Kolbe jäh beendete. Nach seiner Übersiedlung von Marburg nach Leipzig hatte diesem Gelehrten seine Lehrtätigkeit weitere reiche Gelegenheit zu fruchtbarem Wirken gegeben und Hunderte von Studierenden hatten die Macht seiner Persönlichkeit und seine ungewöhnliche Lehrbegabung empfinden und genießen dürfen. Auch wertvolle experimentelle Arbeiten führte er in Leipzig aus. Daß diese ausschließlich auf wissenschaftliche Erkenntnis ausgehenden Studien in der Synthese der Salicylsäure auch einen sehr wertvollen praktischen Erfolg gebracht hatten, erfüllte den Mann der Wissenschaft mit sichtlicher Genugtuung. Er hatte Herrn Dr. von Heyden einmal gesagt, er wolle zufrieden sein, wenn ihm seine Beteiligung an der Fabrik jedes Jahr eine Ferienreise in die Schweiz einbringen würde, aber er freute sich doch auch darüber, als sich die ihm zustehenden Gewinnanteile im Laufe der Jahre weit über die bescheidenen Erwartungen hinaus erhöhten, und er sprach in einem noch erhaltenen Brief aus dem Jahre 1883 Herrn Dr. von Heyden seine Überraschung über die sehr beträchtliche Höhe der Summe aus, die ihm dieser zu seiner eigenen Freude und Genugtuung überweisen konnte. Daß Kolbe, mit dem einer der letzten großen Meister der klassischen Zeit der Chemie dahinging, mit zunehmendem Alter die neueren Ansichten auf dem Gebiete der organischen Chemie und ihre Urheber allzu scharf kritisierte, wirft einen leichten Schatten auf sein sonst so glänzendes Bild, aber Lockemann, sein Biograph im „Buch der großen Chemiker", findet dafür eine treffende Erklärung, wenn er sagt: „Kolbe diente wie sein großer Freund Liebig der chemischen Wissenschaft nicht nur mit scharfem Verstande, sondern mit heißer Leidenschaft, die ihn in begeistertem Schwung vorwärts brachte, die ihn aber auch manches übersehen ließ, was ihm bei kühlerer Überlegung nicht entgangen wäre. Er war immer alles ganz. Und als ganzer Mann hat er der Chemie die höchsten Dienste geleistet." Auch die Chemische Fabrik von Heyden, zu deren Gründung er die Anregung gab, wird sein Andenken immer in hohen Ehren halten. Hatte die Fabrik durch Kolbes Tod ihren besten wissenschaftlichen Berater verloren, so erstand ihr in Rudolf Schmitt, einem seiner Schüler und Dr. von Heydens hochverehrtem Lehrer, ein neuer erfolgreicher Mitarbeiter. Dieser, wie Kolbe der Sohn eines kinderreichen, aber sonst armen evangelischen Pfarrers, wurde 1830 in Wippersheim in Hessen geboren, studierte in Marburg bei Kolbe Chemie, war dann in verschiedenen Laboratorien tätig und nahm im Jahre 1869 die Professur für Chemie an der Dresdner Technischen Hochschule an, der er sich 23 Jahre lang mit hingebendem Eifer gewidmet hat. Von seinen Arbeiten interessiert hier besonders sein „Beitrag zur Kenntnis der Kolbeschen Salicylsäure-Synthese", in welchem er endgültig nachwies, daß das erste Produkt der Einwirkung von Kohlensäure auf Phenol-natrium phenylkohlensaures Natrium ist. Erhitzt man dieses Zwischenprodukt nicht, wie es bisher gemacht worden war, in offenen Gefäßen, sondern unter starkem Druck mit Kohlensäure weiter, so geht es vollkommen, das heißt ohne die bisher für unvermeidlich gehaltene Abspaltung von Phenol, in salicylsaures Natrium über. Das verbesserte Verfahren liefert in einem Arbeitsgange die doppelte Ausbeute an Salicylsäure wie die ursprüngliche Methode und mußte deshalb von größter technischer Bedeutung sein. Dazu kommt als weiterer Vorzug, daß es sich auch auf andere Phenole und phenol-artige Verbindungen, wie Kresole, Naphtole und Oxychinoline mit sehr günstigem Erfolg übertragen ließ. In klarer Erkenntnis der großen Wichtigkeit dieser Arbeiten kaufte die Firma von Heyden dem Erfinder seine Patente ab und hatte nun ein überlegenes Verfahren in Händen, dessen Einführung in den Betrieb die nächste Aufgabe sein mußte. Geheimrat Schmitt, seinem Lehrer Kolbe in vieler Beziehung ähnlich, bildete wie dieser eine große Anzahl trefflicher Schüler aus, deren größter Verehrung er sich erfreuen durfte. Er trat 1893 in den Ruhestand und verlebte denselben in ländlicher Zurückgezogenheit in Radebeul, leider in ungünstigen Gesundheitsverhältnissen. Tief betrauert von allen, die ihm nahestanden, starb er im Jahre 1898.




Quelle: CHEMISCHE FABRIK von HEYDEN - AKTIENGESELLSCHAFT, RADEBEUL-DRESDEN
1874-1934 - Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten, zusammengestellt von Dr. O.Schlenk, Radebeul

Verlag: Kupky & Dietze (Inh. C. und R. Müller), Radebeul
Generiert: 1 ms