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Die Vorgeschichte der Salicylsäure.


Geheimer Hofrat Professor Dr. Hermann Kolbe
Erfinder der Salicylsäure-Synthese

Für die Entstehung und Entwicklung der Chemischen Fabrik von Heyden war eine einzelne chemische Substanz, die Salicylsäure, von so entscheidender Bedeutung, daß es gerechtfertigt sein dürfte, sich mit ihrer Geschichte etwas näher zu befassen. Im Jahre 1838 beschäftigte sich der italienische Chemiker Rafaele Piria in Dumas Laboratorium in Paris mit dem Studium des Salicins, des in der Weide (Salix) enthaltenen Glukosids des Salicylalkohols. Er stellte aus letzterem durch Oxydation Salicylaldehyd her und gewann daraus durch Schmelzen mit Kalihydrat eine neue Säure, die er Salicylsäure nannte und deren Eigenschaften und Zusammensetzung er schon ziemlich eingehend und richtig bestimmte. Die auf so umständliche Weise aus einem Naturstoff hergestellte Säure beanspruchte zunächst nur wissenschaftliches Interesse. Ihre Entdeckung in dem Pflanzenmaterial ist aber deshalb besonders bemerkenswert, weil schon vor vielen Jahrhunderten Arzneimittel aus Bestandteilen der Weide in Gebrauch waren, die nach Pirias Beobachtungen und unseren jetzigen Kenntnissen Salicylsäure oder doch ihr nahe verwandte Verbindungen enthielten. Die Anwendung von Weidenextrakten besonders gegen Fieber, Rheumatismus, Gicht und ähnliche Erkrankungen macht der Beobachtungsgabe der alten Ärzte alle Ehre; denn es sind das gerade die Krankheiten, gegen welche auch reine synthetische Salicylsäure und ihre Abkömmlinge mit Erfolg gebraucht werden. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Pirias ausgezeichneter Arbeit fanden Löwig und Weidmann (1840) in dem ätherischen Öl von Spiraea Ulmaria ebenfalls Salicylsäure, Delalande erhielt sie 1843 durch Schmelzen von Cumarin aus Tonkabohnen mit Kaliumhydroxyd und Gerhardt beobachtete in demselben Jahr als erster die Entstehung von Phenol beim Erhitzen von Salicylsäure. Leichter zugänglich als bisher wurde die Säure, als der französische Chemiker Auguste Cahours und mit ihm fast gleichzeitig William Prokter im Jahre 1843 feststellten, daß das im Parfümeriehandel unter dem Namen Wintergrünöl vorkommende ätherische Öl von Gaultheria procumbens fast ganz aus Salicylsäuremethylester besteht, und daß man durch Verseifen dieses Öles in sehr einfacher Weise, wenn auch mit erheblichen Kosten Salicylsäure erhält. Cahours untersuchte die von ihm hergestellte Salicylsäure genauer als es bisher möglich gewesen war, stellte ihre wichtigsten physikalischen und chemischen Eigenschaften fest, ebenso die einer Anzahl von Salzen und Derivaten und teilte schließlich mit, daß er durch Alkalischmelze von Indigo unter besonderen Bedingungen auch etwas Salicylsäure erhalten habe. Gerland führte im Jahre 1853 aus Indigo hergestellte Anthranilsäure durch salpetrige Säure in Salicylsäure über und diese Beobachtung veranlaßte seinen Lehrer, Professor Hermann Kolb e, eine Theorie über die Konstitution der Salicylsäure aufzustellen und sich eine sorgfältige experimentelle Prüfung seiner Hypothese vorzubehalten. Damit griff zum erstenmal der Mann in die Erforschung der Salicylsäure ein, dessen Arbeiten weiterhin von größter Wichtigkeit für ihre Erkenntnis und Herstellung werden sollten. Da er durch diese Forschungen sozusagen der geistige Vater der Chemischen Fabrik von Heyden wurde, wollen wir im folgenden seinen Lebensweg und seine Arbeiten auf dem uns hier interessierenden Gebiet näher besprechen.




Quelle: CHEMISCHE FABRIK von HEYDEN - AKTIENGESELLSCHAFT, RADEBEUL-DRESDEN
1874-1934 - Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten, zusammengestellt von Dr. O.Schlenk, Radebeul

Verlag: Kupky & Dietze (Inh. C. und R. Müller), Radebeul
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