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Nach dem Weltkrieg.



Fabrik für Zigarren-Goldmundstücke (Bombinen) in Radebeul

Als nach dem unglücklichen Ende des Krieges die früheren Mitarbeiter der Fabrik aus dem Felde zurückkamen, zeigten sich traurige Lücken in der treuen Schar; manchem der Vaterlandsverteidiger war es leider nicht vergönnt gewesen, die Heimat wiederzusehen. Zum ehrenden Andenken an die Gefallenen ließ die Firma am Eingang der Fabrik in Radebeul eine Bronzetafel anbringen, die auch künftigen Geschlechtern das Gedächtnis an die Tapferen wacherhalten soll, die ihr Leben für das Vaterland hingegeben haben. Auch unter denen, die zu Hause durch ihre Arbeit mit Kopf und Hand an dem großen Werke der Vaterlandsverteidigung mitgeholfen hatten, waren betrübliche Lücken entstanden und sollten weitere entstehen. Am Ende des Krieges mußte Professor Dr. Seifert wegen schwerer Krankheit sein Amt als Direktor der Fabrik nach aufopfernder Tätigkeit während der Kriegsjahre niederlegen. Schon im nächsten Jahr, am 25. Juni 1919, beendete der Tod sein Leiden. Ihm widmete Professor Möhlau, sein Biograph, in den Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft, die sein Leben und Wesen treffend kennzeichnenden Worte: „Seifert sah bis zu seinem Ende das Glück seines Lebens in ernster Geistesarbeit, in der Verbindung wissenschaftlicher Forschung mit praktischer Betätigung, im Streben nach einer auf naturwissenschaftlicher Grundlage sich aufbauenden harmonischen Weltanschauung. In der produktiven Arbeit fand der einsame Unvermählte seine ganze Befriedigung." Drei Jahre vorher war ihm sein kongenialer ältester und intimster Freund, K. A. Lingner, der Begründer der Lingner-Werke in Dresden, im Tode vorausgegangen. Ihm hatte Dr. Seifert im Jahre 1892 das Odol geschaffen, dessen Riesenerfolg seinem Fabrikanten die Möglichkeit gab, die glänzende Hygiene-Weltausstellung in Dresden im Jahre 1911 zu organisieren und dadurch die Grundlage zu dem großartigen Deutschen Hygienemuseum in Dresden zu schaffen. Im Jahre 1919 legte Friedrich von Heyden, der Gründer des Werkes, im 82. Jahre seines Lebens den bis dahin geführten Vorsitz im Aufsichtsrate nieder. Zum Ehrenvorsitzenden gewählt, erhielt er auch in den weiteren ihm noch vergönnten Jahren dem Werk, das seinen Namen trägt, sein Interesse, bis ihn am 1. Mai 1926, fünf Monate nach dem Hinscheiden seiner geliebten Gattin, der Tod abberief. Unter großer Teilnahme wurde der hochverehrte Mann auf dem Tolkewitzer Friedhof in Dresden zur ewigen Ruhe bestattet. Seine Verdienste um die Fabrik werden für alle Zeiten ihres Bestehens unvergeßlich bleiben; zusammenfassend kann man sie nicht treffender würdigen, als es in dem folgenden, ihm gewidmeten Nachruf geschehen ist: Am 1. dieses Monats verschied Herr Geheimer Hofrat Dr. phil. Dr. ing. h. c. Friedrich von Heyden. Er war der Begründer unserer Werke und hat diese mit weitem Blick in rastlosem Schaffen zur raschen Entwicklung gebracht. Bis ins hohe Alter wirkte er an der Spitze des Aufsichtsrates und hat uns zuletzt als dessen Ehrenvorsitzender zur Seite gestanden_ Immer war sein Urteil durchschlagend, sein Rat für uns maßgebend. Wir verlieren in ihm einen treuen Freund, einen Mann von wahrhaft vornehmer Gesinnung und von wärmster Empfindung beseelt für seine Mitmenschen, mit dem zusammenzuarbeiten uns immer eine Ehre und Freude war. Sein Vorbild wird uns voranleuchten, das Andenken in uns lebendig bleiben. Radebeul, 3. Mai 1926. Vorstand und Aufsichtsrat der Chemischen Fabrik von Heyden, A. G. An die Stelle des infolge Krankheit ausgeschiedenen Professors Dr. Seifert traten im März 1919 Herr Dr. Wilhelm Lax, der bisherige Oberbetriebsleiter der Radebeuler Fabrik, und im Jahre 1923 als weiterer technischer Direktor Herr Dr. Hans Ludewig, ebenfalls ein vielerfahrener Betriebsleiter der beiden Werke in Radebeul und Weißig. Die Aufgaben, welche die neuen technischen Leiter gemeinsam mit dem im Jahre 1922 zum General-direktor bestellten Kommerzienrat Vorländer zu lösen hatten, waren gar vielfache. Galt es doch, die mehr als vierjährige Kriegsarbeit wieder auf friedliche Verhältnisse überzuführen und die Schäden, welche das hastende Schaffen an manchen Stellen angerichtet hatte, wiedergutzumachen. Allmählich gelang es, die notwendigen Rohstoffe wieder herbeizuschaffen, das Material für die oft dringend nötigen Reparaturen aufzutreiben, durch neue Fabrikation die leer gewordenen Lager aufzufüllen und den regen Bedarf zu befriedigen, der allerdings zu nicht unwesentlichem Teil in Reparationslieferungen an den Feindbund bestand. Der Beschäftigungsgrad der Heydenschen Werke verbesserte sich schnell und erreichte im Jahre 1923 mit mehr als 3000 Arbeitern und Angestellten eine weder vorher noch nachher erreichte Höhe. Daß diese scheinbare Blüte nicht echt und dauerversprechend war, ergibt sich schon aus der einen Tatsache, daß die Firma gerade für dieses Jahr 1923 keine Dividende bezahlen konnte. Die Inflation mit ihrer maßlosen Entwertung des Kapitals machte alle Ergebnisse noch so eifriger Arbeit zunichte und jede Berechnung auf längere Sicht unmöglich. Nur ungern denkt man an diese verworrene Zeit zurück, in der eine unfähige Regierung der Vernichtung aller Werte müßig zusah, ja sie noch förderte. Der Mangel an Zahlungsmitteln war mehrmals so groß, daß die Fabrik ihre Mitarbeiter nur mit kurzfristigen Schecks oder mit selbstgedrucktem Notgeld entlohnen konnte, das immer noch lieber angenommen wurde als die staatlichen Millionen-, Milliarden- und zuletzt Billionenscheine. Als dann endlich die Einführung der stabilisierten Rentenmark dem wüsten Treiben der Inflation ein Ende bereitete, zeigten sich die angerichteten Schäden erst recht deutlich. Es trat eine außerordentliche Geldknappheit und Kreditnot ein, welche wiederum die Industrie in ihrer Tätigkeit hemmte. Trotz alledem gelang es der Leitung der Firma auch weiterhin die Mehrzahl der Betriebe zu beschäftigen und sie teilweise sogar zu vergrößern. Unter anderem wurde die Fabrikation von Süßstoff und Permanganat von Radebeul nach neuen, besser eingerichteten Betrieben in Weißig verlegt; dann wurde der SaIicyIsäurebetrieb weitgehend renoviert und eine neue Anlage zur Herstellung von Kohlensäure errichtet, die nicht nur den eigenen Bedarf für die Salicylsäuresynthese deckt, sondern auch noch große Mengen zum Verkauf herstellt. Auch für die Fabrikation der vielgebrauchten Acetylsalicylsäure und des salicylsauren Natriums wurden sehr verbesserte Einrichtungen geschaffen; für die Herstellung der Zigaretten-Goldmundstücke wurde eine ganz neue Fabrik in Radebeul, doch außerhalb des alten Fabrikgeländes in der Dresdner Straße erbaut und zweckmäßig eingerichtet. Trotz aller Bemühungen und Verbesserungen war es aber nicht möglich, während der schwierigen Deflationszeit den Stand der Belegschaft auf der erreichten Höhe zu halten; es mußten zahlreiche Entlassungen und Kündigungen von Arbeitern und Angestellten sowie Kürzungen der Arbeitszeit wie auch in allen anderen großen Werken erfolgen. Der unaufhaltbare Rückgang des Auslandsexportes muß als Hauptgrund für diese höchst unerfreuliche Notwendigkeit angesehen werden. Den ungünstigen Zeitverhältnissen erlag auch ein mit guten Aussichten und vielen Hoffnungen in Angriff genommenes Problem, die Herstellung von Kunstseide. Nach jahrelangen Vorarbeiten, die guten Erfolg versprochen und bis zu einer kleinen Versuchsfabrikation geführt hatten, erwies sich die Konjunktur der Kunstseide als so unsicher und bedenklich, daß von der Fabrikation in großem Maßstabe abgesehen wurde. Nach sehr beträchtlichen Geldinvestitionen, die verloren waren, wurde unter das Kapitel Kunstseide im Jahre 1930 endgültig ein Strich gemacht. Der weitere Verlauf der Lage in diesem Artikel rechtfertigte die getroffene Entscheidung.


Calcium-Karbidfabrik in Hirschfelde

Die schon erwähnte während des Krieges gegründete Calciumcarbidfabrik in Hirschfelde wurde im Jahre 1924 an die Elektrochemische Gesellschaft m. b. H. Hirschfelde verpachtet, an der je zur Hälfte die Firma von Heyden und die Sächsischen Werke als Stromlieferanten beteiligt sind. Die Fabrik stellt Calciumcarbid, Kalkstickstoff, Dissousgas und Sauerstoff her.


Aus den Betrieben der Tochtergesellschaft in Hirschfelde

Einen interessanten Verlauf nahm die weitere Entwicklung der während des Krieges beschlagnahmten und verkauften amerikanischen Fabrik. Die bisher leitenden Herren entschlossen sich nach ihrem Austritt aus den Heyden Chemical Works, unter Führung des Herrn G. Simon und zusammen mit zwei angesehenen Firmen in New York eine neue Gesellschaft „The Norvel Chemical Company" zu gründen und in Perth Amboy im Staate New Jersey eine Fabrik zur Herstellung chemischer Präparate zu errichten. Sie taten dies in der ausgesprochenen Absicht, dieses neue Werk der Chemischen Fabrik von Heyden zur Herstellung ihrer Produkte zur Verfügung zu stellen, sobald der normale geschäftliche Verkehr zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland wieder eingeleitet werden konnte. Die von diesen Herren der Firma in kritischen Zeiten gewahrte Treue verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden. Denn sie steckten, gewissermaßen als Statthalter für die deutsche Firma, aber ohne deren Vorwissen, Geld, Zeit und Arbeit in ein Unternehmen, von dem sie als geächtete und sogar gesetzlich unter Anklage gestellte Deutsche nur mit phantastischem Optimismus eine Durchsetzung in dem damals feindlich gesinnten Lande erwarten konnten. Das Wagnis gelang aber und das neue Werk begann unter der erfahrenen Leitung in kurzer Zeit zu florieren, während auf der in fremden Händen befindlichen und unsachlich geführten alten Fabrik in Garfield kein Segen ruhte.


Heyden Chemical Corporation, Garfield N. J. (U.S. A.) 1934

Deren Inhaber, Herr B. R. Armour, versuchte deshalb eine Annäherung zuerst an das neue Werk, dann an die deutsche Stammfabrik, ohne zunächst Entgegenkommen zu finden. Die Aussicht, die Fabrik in Garfield mit ihren bewährten Einrichtungen, Patenten und allen sonstigen Rechten wieder in die Hand zu bekommen und über den alten, guten Namen Heyden mit seinem Weltruf wieder allein verfügen zu können, überwog aber beim Radebeuler Stammhaus doch alle Bedenken. Als schließlich drei Vertrauensleute des Herrn Armour in Radebeul erschienen, um über eine Vereinigung der beiderseitigen Interessen Besprechungen zu pflegen, willigte die Zentralverwaltung unter führendem Einfluß des Herrn Kommerzienrat Vorländer ein, und es kam nach langwierigen Verhandlungen im Jahre 1925 ein für beide Teile befriedigendes Abkommen zustande. Nach ihm wurden die beiden Fabriken in Garfield und Perth Amboy unter dem Namen „Heyden Chemical Corporation" zu einer neuen Gesellschaft zusammengeschlossen, in welcher die Chemische Fabrik von Heyden und Herr Armour, der sich hier in der Vertretung der gemeinsamen Interessen als weitblickender Finanzmann und Industrieller zeigte, den maßgebenden Einfluß haben.


Heyden Chemical Corporation, Perth Amboy, N. J. (U.S.A.) 1934

Unter der sachkundigen Führung des die kaufmännische Leitung wieder übernehmenden Herrn 0. Simon und der technischen Oberleitung des aus Radebeul delegierten Chemikers Dr. Walter Ost erwarb sich die neue Firma bald wieder das frühere hohe Ansehen unter den großen chemischen Fabriken des Landes. Die Zahl der hergestellten Produkte vermehrte sich von Jahr zu Jahr, unter anderem errang sich die Heyden Chemical Corporation durch Gründung der American Plastics Corporation eine führende Stellung in der Industrie plastischer Massen. Nach kurzem Rückschlag infolge der auch das amerikanische Geschäftsleben nicht verschonenden Weltkrise konnte das Unternehmen im Jahre 1933 seinen früheren Umsatz und Reingewinn noch erheblich übertreffen und erwies sich dadurch von neuem als ein wertvoller Besitzteil der Chemischen Fabrik von Heyden, der es gelungen war, das verlorengegangene Werk dank der Anhänglichkeit und Unternehmungslust seiner amerikanischen Leiter und dem Weitblick der Radebeuler Direktion wieder ihren Interessen anzugliedern. Die Vereinigten Staaten waren bekanntlich die einzige unter den am Kriege beteiligten Großmächten, welche, wenn auch nach schweren Kämpfen, die internationalen Rechte respektierte und das deutsche Privateigentum zurückerstattete. Wie alles andere im Kriege beschlagnahmte deutsche Besitztum war auch der durch die Versteigerung der Heyden Chemical Works erzielte Erlös dem Konto des amerikanischen Custodian überwiesen worden. Dieser zahlte in den Jahren 1929 und 1930 den größten Teil des Betrages, nämlich rund 3,4 Millionen Mark, wie des näheren nachstehend ausgeführt werden wird, dem Radebeuler Mutterhaus zurück, das dadurch in die Lage versetzt wurde, die inzwischen aufgelaufenen nicht unerheblichen Bankverbindlichkeiten größtenteils abzudecken.


INHALTSVERZEICHNIS
Zum Geleit
Die Vorgeschichte der Salicylsäure
Hermann Kolbe und seine Arbeiten über die Salicylsäure
Friedrich von Heyden und die Gründung seiner Fabrik im Jahre 1874
Die Überführung der Fabrik nach Radebeul und erfolgreiche Aufnahme der Fabrikation
Professor Kolbes Tod und Professor Schmitts Verbesserung der Salicylsäure-Synthese
Rücktritt Dr. von Heydens von der Fabrikleitung und Gründung der Firma Dr.von Heyden Nachfolger
Vergrößerung der Fabrik und Aufnahme wichtiger neuer Präparate
Überführung der Fabrik in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung und in eine Aktiengesellschaft in den Jahren 1896 und 1899
Bau und Inbetriebsetzung der Fabrik in Weißig
Gründung und Entwicklung der amerikanischen Fabrik
Weitere Entwicklung der Fabrik in Radebeul bis zum Weltkrieg
Die Tätigkeit der Fabrik und das Schicksal der amerikanischen Niederlassung während des Weltkrieges
Nach dem Weltkrieg
Neuere Spezialpräparate der Chemischen Fabrik von Heyden
Veränderungen in der Leitung der Fabrik. Belegschaft - Finanzen - Werkserneuerung - Arbeitsbeschaffung
Technische Einrichtungen der Fabriken
Soziale Einrichtungen der Firma


Quelle: CHEMISCHE FABRIK von HEYDEN - AKTIENGESELLSCHAFT, RADEBEUL-DRESDEN
1874-1934 - Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten, zusammengestellt von Dr. O.Schlenk, Radebeul

Verlag: Kupky & Dietze (Inh. C. und R. Müller), Radebeul

Arevipharma GmbH
Meißner Straße 35
D-01445 Radebeul
Web: www.arevipharma.com
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Telefax: +49 (0)351 8314-2100
Geschäftsführung
Herr Dr. Hendrik Baumann
Herr Sebastian Breyer
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Amtsgericht Dresden, HRB 23835
USt-IdNr.: DE 240935001
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