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Gründung und Entwicklung der amerikanischen Fabrik.


Die Fabrik der Firma von Heyden in Garfield (U.S.A.) zur Zeit der Gründung 1902

Sehr bald nach dem Kauf des Geländes in Weißig und dem beginnenden Ausbau der dortigen Betriebe erfolgte auch die Gründung einer Fabrik in Amerika, die einen wichtigen und in ihren Folgen bedeutungsvollen Schritt auf den von der Aktiengesellschaft eingeschlagenen Wegen bedeutete. Die Veranlassung dazu war einerseits der Wunsch der kaufmännischen Leitung, neue Absatzgebiete für die Produkte der Fabrik zu gewinnen, andererseits das fortschreitende Bestreben der Vereinigten Staaten unter der Amtsführung des Präsidenten Mc Kinley, durch Erhebung steigender Einfuhrzölle die schon damals sehr unternehmungslustige chemische Industrie des eigenen Landes zu heben und zu neuen Fabrikationen anzuregen. Auch parallel laufende Absichten amerikanischer Unternehmer auf Nachahmung der Heydenschen Spezialprodukte wurden bekannt und diesen hieß es zuvorzukommen. Als die Direktion erfahren hatte, daß die Leipziger Firma Schimmel & Co. ihre in Garfield im Staate New Jersey betriebene Fabrik ätherischer Öle verkaufen wolle, da fuhren kurz entschlossen der technische Leiter der Radebeuler Fabrik, Herr Dr. Kolb e, und der kaufmännische Direktor, Herr Vorlände r, am 17. Oktober 1900 nach New York und prüften die zum Kaufe angebotene Fabrik auf ihre Tauglichkeit für die beabsichtigten Zwecke. Sie lag an einem kleinen Flusse, dem Passaic River, nur etwa 20 km von New York entfernt, hatte Bahnanschluß und genügend Land für eine weitere Entwicklung, erschien also in jeder Beziehung für den beabsichtigten Zweck geeignet.
Daraufhin eingeleitete Kaufsverhandlungen mit der Firma Fritzsche Brothers, der amerikanischen Tochtergesellschaft der Firma Schimmel, führten nach Tagen harter Arbeit anfangs November 1900 zum Abschluß und brachten die Fabrik in den Besitz der Firma von Heyden. Sofort nach dem Ankauf begann auch die Einrichtung der neuen Fabrik, deren Grundlage zunächst die Fabrikation von Süßstoff und Salicylsäure werden sollte. Herr Dr. Ernst Burkard, einer der bewährten Chemiker von Radebeul, wurde zum technischen Leiter auserwählt, ihm folgten nach einiger Zeit der Chemiker Dr. Paul Koch, ebenfalls aus Radebeul, zur Einrichtung und Inbetriebsetzung der Süßstoffabrikation, sowie Herr Georg Simon, der nach mehrjähriger Tätigkeit in Radebeul im Auftrage der Chemischen Fabrik von Heyden damals England bearbeitete und nun mit der kaufmännischen Leitung des jüngeren amerikanischen Unternehmens betraut wurde. Unter dieser sachkundigen technischen und kaufmännischen Führung gedieh die Fabrik, die in kluger Voraussicht alles direkt angrenzende freie Land angekauft hatte, schnell. Schon nach weniger als sechs Monaten war die Süßstoffabteilung in vollem Betrieb und konnte ihr Fabrikat zu gewinnbringenden Preisen absetzen. Eine schwere Überschwemmung durch den sonst höchst harmlosen Passaic River richtete zwar erheblichen Schaden an, doch dieser ließ sich schnell wiedergutmachen und die überraschende Katastrophe, die sich übrigens nie mehr wiederholte, diente als Warnung zur Vorsicht bei späteren Neubauten. Auch ein verheerendes Feuer, das nach einigen Jahren den größten Teil der ursprünglich von Schimmel gekauften Anlagen zerstörte, konnte die Entwicklung der Fabrikation nur vorübergehend stören und war die Veranlassung dazu, die verbrannten Gebäude in besser geeigneter feuerfester Konstruktion wieder aufzubauen. Der gegen Ende des Jahres 1901 in Betrieb gesetzten Fabrikation von Salicylsäure folgte die Herstellung von Natriumsalicylat, Salol und Salicylsäuremethylester. Später kam dann noch die Fabrikation von Silbersalzen, Collargol und benzoesaurem Natron hinzu, welch letzteres zur Konservierung von Nahrungsmitteln in den Vereinigten Staaten eine Rolle spielt, weiterhin die Herstellung von Formaldehyd, Paraformaldehyd und Hexamethylentetramin. Wenn auch unter Überwindung mancher Schwierigkeiten, gelang die Herstellung der genannten Präparate zu voller Zufriedenheit, und sie führten sich im Laufe der Jahre so gut ein, daß die Heyden Chemical Works immer mehr als eine der bedeutendsten und angesehensten chemischen Gesellschaften der Vereinigten Staaten sich Geltung und Wertschätzung verschaffen konnten. Über ihre wechselvollen Schicksale während des Weltkrieges und nach ihm soll später berichtet werden.




Quelle: CHEMISCHE FABRIK von HEYDEN - AKTIENGESELLSCHAFT, RADEBEUL-DRESDEN
1874-1934 - Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten, zusammengestellt von Dr. O.Schlenk, Radebeul

Verlag: Kupky & Dietze (Inh. C. und R. Müller), Radebeul
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